Aids-Hilfe warnt vor HIV-Heimtests Drucken E-Mail
Geschrieben von Dennis Klein   
Sunday, 21. September 2008

ImageDie Deutsche Aids-Hilfe (DAH) warnt vor dem Kauf von HIV-Heimtests. In unserem Interview erklärt DAH-Schwulenreferent Dr. Dirk Sander die Hintergründe. HIV-Heimtests versprechen schnelle Aufklärung: Für ungefähr 25 Euro können sie legal aus dem EU-Ausland bestellt werden und richten sich insbesondere an Leute, die nach Risiko-Sex nicht dem erhobenen Zeigefinger des Hausarztes ausgeliefert sein möchten. Ein Pieks in den Finger, etwas Blut auf eine Probekuhle und 15 Minuten später in den eigenen vier Wänden das Ergebnis ablesen –

so werben die meist niederländischen Anbieter in deutschen Szene-Publikationen für ihr Produkt, darunter auch auf queer.de. Die Deutsche Aids-Hilfe sieht den "Bettkantentest" jedoch kritisch, wie Schwulenreferent Dr. Dirk Sander erläutert.

Ihr ratet vom HIV-Heimtest ab. Warum?

Solche Heimtests sind aus gutem Grund in Deutschland nicht zugelassen. Der Vertrieb aus dem Ausland ist nach EU-Recht zwar möglich und nicht strafbar. Dennoch raten wir von so einem "Bettkantentest" oder "Küchentest" aus verschiedenen Gründen ab. Das größte Problem ist die Anwendung: wie wir aus Arbeit mit HIV-Schnelltests wissen, braucht man eine gewissen Erfahrung im Umgang mit solchen Test-Kitts. Durch kleine Fehler bei der Anwendung können falsche Testergebnisse herauskommen. Wir haben das mal bei uns in der Bundesgeschäftsstelle der DAH getestet und die Überraschung war groß, als Kollegen, die sicher von sich wussten, dass sie HIV-positiv sind, plötzlich ein negatives Ergebnis erhielten. Deshalb gehören solche Tests einfach in erfahrene Hände!

Und ein Gespräch darüber, was ein z.B. ein negatives Ergebnis bedeutet, kann auch nicht von Schaden sein. Die wenigsten Leute wissen, dass ein negatives Testergebnis nur eine Aussage über einen längere zurückliegenden Zeitraum macht: nämlich, dass man genau drei Monate vor der Blutabnahme noch negativ gewesen ist. Sollte eine Infektion innerhalb dieses Zeitraums von drei Monaten passiert sein, dann kann man das mit diesem Test nicht immer sicher nachweisen. Wenn der Test auf der Bettkante also Sicherheit über Ereignis in den letzten Wochen herstellen soll, dann ist dies eine sehr trügerische Sicherheit.

In seltenen Fällen sind auch falsch positive Testergebnisse möglich. Ein Grund mehr, vor und nach dem Test miteinander ins Gespräch zu kommen. Dadurch kann manches Missverständnis mit fatalen Folgen vermieden werden. Und für den Fall, das der Test mal positiv ausfallen sollte, ist es vielleicht auch besser, wenn man damit nicht zu Hause im stillen Kämmerlein alleine rum sitzt? Es handelt sich ja immer noch um eine Infektion mit sehr schweren individuellen Folgen. Bei einem professionellen Testangebot wird man mit dem Testergebnis jedenfalls nicht allein gelassen. 

Aber wenn jemand sich nicht traut, zu seinem Hausarzt zu gehen, ist es dann nicht besser, wenn er einen Heimtest macht anstatt sich gar nicht testen zu lassen?

ImageIch kann solche Bedenken zum Teil verstehen. Wir wissen z.B. dass manche Leute Angst davor haben, dass der Arzt sie herablassend oder diskriminierend im Zusammenhang mit einem Testwunsch oder der damit offenbarten Homosexualität behandelt. Andererseits frage ich mich, ob jemand dann beim richtigen Arzt in Behandlung ist. Gerade wenn es um das Thema Sexualität und Gesundheit geht, brauchen schwule Männer ein Gegenüber, mit dem sie reden können. Aber es gibt darüber hinaus andere Möglichkeiten, sich testen zu lassen, die darüber hinaus den Vorteil haben, dass man sich dort anonym testen lassen kann, wie z.B. den Gesundheitsämtern und einigen Aids-Hilfen. Hier kann man sicher sein, dass man nicht schief angeguckt wird!

Es ist ja ein Markt für diese Produkte da. Warum ist das Deiner Meinung nach so?

Erst mal natürlich wegen dieser Ängste. Es kann auch der Wunsch sein, mal eben einen Test zu machen und dann: Rein ins Vergnügen! Ein Problem ist sicherlich auch, dass die bisherigen Testangebote zu hochschwellig angelegt waren. Einen Termin vereinbaren zu müssen, zur Blutabnahme zu gehen und dann 10 Tage auf das Ergebnis warten zu müssen, kann ein guter Grund sein, einen einfacheren Weg zu suchen. Als Aidshilfen haben wir dies in der Vergangenheit unterschätzt. Jetzt gibt es zunehmend mehr Einrichtungen in der schwulen Szene, die einen Schnelltest anbieten. Projekte in München, Berlin, Dormund und bald in NRW zeigen, wo es für die Zukunft lang geht. Von Vorteil ist auch, dass der Test dort gegen eine geringe Gebühr angeboten wird und man im Falle des Falles nützliche Informationen zu weiteren Beratungsangeboten erhält.

In unserer Gesellschaft wird ja derzeit Eigenverantwortung großgeschrieben. Ist so ein Heimtest nicht die logische Folge?

Mit Eigenverantwortung hat das wenig zu tun. Im Gegenteil. Ein Heimtest ist teuer und in der Hand von Nichtfachleuten wenig aussagefähig. Außerdem wird damit das Missverständnis genährt, dass man sich mit einem oder häufigen HIV-Tests vor einer HIV-Infektion schützen könnte. Das ist aber nicht der Fall! Der Test macht nur eine Aussage über die Vergangenheit und nichts ist so vergänglich wie ein negatives Testergebnis, wenn man sich keine Gedanken über den eigenen Schutz macht.  

Die US-Gesundheitsbehörde hat einen Heim-Test zugelassen, bei dem man per Post ein wenig Blut an ein Labor schicken kann und dann nach wenigen Tagen das Ergebnis erhält. Wäre das eine Alternative auch für Deutschland?

ImageIch halte das auch für eine zwiespältige Alternative. Der Test würde unter diesen Bedingungen zwar "ordentlich" durchgeführt. Aber dem Angebot fehlt die Einbindung in einen Beratungskontext. Egal, ob man ein negatives oder ein positives Testergebnis per Post mitgeteilt bekommt, man muss auch die Bedeutung verstehen und erst mal allein mit allen Folgen umgehen. Die Erfahrung zeigt, dass Leute, die ein positives Testergebnis bekommen in aller Regel froh sind, erst einmal jemanden zu haben, mit dem sie reden können.

Ist denn Beratung wirklich so wichtig in Zeiten, in denen in Infobroschüren und im Internet so gut wie alle Informationen für den Laien vorliegen?

Es geht ja auch nicht mehr so sehr um ein langes Beratungsgespräch mit allen Wenns und Abers! Über das Gespräch können dann Dinge deutlich werden, die einem vorher so nicht bewusst waren. Ich erinnere mich da an einen guten Freund, der immer in bestimmten Situationen seines Lebens "sexuell voll aufgedreht hat" und dann Dinge gemacht hat, die er hinterher selbst nicht mehr verstanden hat. Bei seinem dritten HIV-Test hat die Beraterin nicht locker gelassen, warum ihm immer wieder das gleiche passiert! Das hat ihn so nachdenklich gemacht, dass er entschieden hat, eine Therapie zu machen. Meistens ist es andersrum, dass den Leuten erst hinterher in einer Therapie deutlich wird, was ihre Infektion begünstigt hat. Keine Broschüre, kein Internetangebot kann solche Gespräche im Zusammenhang mit einem Tests ersetzen!

An wen kann man sich konkret wenden, wenn man sich selbst positiv getestet hat, aber den Besuch beim Hausarzt scheut?

Ich würde mir erst mal vor dem Test überlegen, an wen wende ich mich im Fall des Falles. Das kann z.B. ein guter Freund sein. Für alle, die "auf Draht" sind, sind die Aidshilfen ab 1. Oktober 2008 über die 0180 33 19411 bundesweit erreichbar. Wer sich eher im Netz zuhause fühlt, wendet sich an www.aidshilfe-beratung.de. Dort kann man auch die Anschriften von allen Teststellen und Präventionsprojekten erfahren. Da kann man aber auch alle anderen Fragen zu Risiken, Sexualität, Test usw. loswerden! Eine fachliche Antwort ist garantiert.

Bildquelle: David Biene, MiraTes, Manuel Izdebski

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