Warme Worte zum CSD Stuttgart erhitzen auch 2008 die Gemüter. Landesregierung grüßt aufgrund des CSD Mottos „Ich glaube...“ nicht. Oberbürgermeister Schuster hat die Botschaft des CSD verstanden. Persönliche Grüße zum CSD Stuttgart sind zwar nichts weiter als „warme Worte“ – aber dennoch haben sie in den vergangenen Jahren einen wichtigen Symbolcharakter erlangt. Ab und an lassen sie zudem zwischen den Zeilen tief blicken.
Für Süddeutschlands größtes schwul-lesbisches Event, den Christopher Street Day in Stuttgart wurden 2008 neben der Schirmfrau Gabriele Zimmer (MdEP, DIE LINKE), der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart Wolfgang Schuster (CDU), die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther H. Oettinger (CDU) angefragt ein schriftliches Grußwort zu verfassen.
Sowohl Gabriele Zimmer als auch Wolfgang Schuster kamen der Bitte prompt nach. Zimmer geht auf die aktuellen Lebensbedingungen und die leider immer noch vorhandenen Diskriminierungen gegenüber Schwulen und Lesben im Land ein. Schuster setzt sich überraschenderweise direkt mit dem heiß diskutierten CSD Motto „Ich glaube...“ auseinander – und hat die Botschaft der CSD Macher scheinbar verstanden. Im Grußwort ist zu lesen: „Hier geht es ... um den Glauben an sich selbst, ... an die gleichberechtigte Akzeptanz von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft, und um den Mut, an sich selbst und die eigene sexuelle Orientierung zu glauben.“
„Perfekt“, wie Christoph Michl, Vorstand & Gesamtleiter des CSD Stuttgart findet. Einen kleinen Seitenhieb kann er sich aber nicht verkneifen: „Jetzt müsste es das Stadtoberhaupt nur noch einrichten am CSD, beispielsweise bei der Eröffnungsgala in der Liederhalle oder der Polit-Parade, selbst präsent zu sein“, und ergänzt: „Nach immerhin neun Jahren CSD in Stuttgart ist ein Besuch des ‚großen städtischen Events’, wie Schuster ihn selbst nennt, längst überfällig.“
Bundeskanzlerin und Ministerpräsident haben keine Zeit
Die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel ließ über ihr Büro mitteilen, dass sie – wie bereits 2007 – leider kein Grußwort zur politischen Veranstaltung beitragen könne: „Sie erhält so viele Bitten um Grußworte oder Textbeiträge, dass sie diesen aus Gründen der Gleichberechtigung nicht regelmäßig nachkommen kann,“ so schreibt Doris Marquardt, Referentin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Bundeskanzleramts, in Merkels Auftrag.
So wie Angela Merkel den gleichen Absagetext aus dem Vorjahr verwendet bleibt auch Christoph Michl nur die Antwort aus 2007: „Unverständlich und mehr als schade. Erneut wird eine Chance verpasst, zumindest ein symbolisches Zeichen für die homo-, bi- und transsexuellen Menschen zu setzen, wenn schon die dringend notwendige Gleichstellung von Lesben und Schwulen in Deutschland nur zögerlich voran kommt.“ Als Realist ergänzt der Vorstand jedoch: „Insgeheim hatten wir natürlich mit der Absage gerechnet.“
Nicht gerechnet hatte das ehrenamtliche Organisationsteam des CSD Stuttgart allerdings mit der Reaktion der baden-württembergischen Landesregierung. Nach persönlichen, aber leider einmaligen, Grüßen des Ministerpräsidenten Günther H. Oettinger im Jahr 2005 – seinerzeit hatte der damalige Sozialminister des Landes, Andreas Renner (CDU), sogar die Schirmherrschaft für den CSD Stuttgart unter dem Motto „Familie heute“ übernommen – delegierte der Landesvater die Grußwort-Thematik in den vergangenen beiden Jahren schlicht - und für ihn sehr einfach – an seine jetzige Sozialministerin Monika Stolz. Auch hier muss der übervolle Terminkalender als Grund für die Schreibfaulheit herhalten.
„Für 2008 war also zu erwarten, dass das Prozedere ein ähnliches sein würde: Oettinger delegiert und Stolz schreibt“, erläutert Michl. „Umso mehr überraschte uns dann aber die vor kurzem eingetroffene Antwort aus dem Sozialministerium.“
Sozialministerin glaubt nicht an homosexuellen Glauben
Mit Schreiben vom 29. Mai 2008 teilt der persönliche Referent der Ministerin, Steffen Jäger, mit, dass Frau Stolz in diesem Jahr davon absehen möchte, „für den CSD Stuttgart ein Grußwort zur Verfügung zu stellen. Dies insbesondere deshalb, da ein schriftliches Grußwort für sie eine besondere Form der ideellen Unterstützung darstellt, über die sie in jedem Einzelfall selbst entscheidet. So hat Frau Ministerin in diesem Jahr unter Abwägung aller Umstände und im Hinblick auf das von Ihnen gewählte Motto entschieden, von der Erstellung eines schriftlichen Grußwortes abzusehen.“
Die Absage der Ministerin, und damit der Landesregierung Baden-Württemberg, macht die Brisanz des diesjährigen CSD Mottos „Ich glaube...“ noch einmal mehr als deutlich (vgl. Pressemitteilung zum CSD Motto vom 11. Februar 2008).
Weiterhin wird durch ihr Nein zum Grußwort klar, dass es für die Ministerin zwar ideell unterstützenswert ist, wenn Schwulen und Lesben „Teil des Ganzen“ sind beziehungsweise werden, nicht aber wenn homosexuelle Menschen bekunden „Ich glaube...“. Die Bereitschaft das Ganze, also die Gesellschaft, für die Gleichberechtigung zu öffnen wird demnach nachträglich eingeschränkt. Somit revidiert die Sozialministerin ihr Grußwort zum CSD Stuttgart 2007, als das Motto bekanntermaßen „Teil des Ganzen“ lautete, denn das konnte sie offenkundig „ideell unterstützen“.
Wichtig ist dem Sozialministerium aber dennoch anzumerken, dass die Landesregierung für eine „verantwortungsbewusste Politik für homosexuelle Menschen“ steht. „Beim offenen Dialog über den Glauben von homosexuellen Mitbürgerinnen und Mitbürgern hört dieses Bewusstsein augenscheinlich aber auf und schnödes Wählerkalkül und erzkonservative Einflüsse treten an seine Stelle“, wie Christoph Michl findet. „Ein Sinnbild für den Umgang mit der schwul-lesbischen Gleichberechtigung in unserem Land.“
Diese aktuelle, für Lesben und Schwule mehr als traurige, Entwicklung zeigt eindeutig: Noch immer steht es um die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit der Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen nicht zum Besten. In vielen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie hier beim Thema Glauben, gerät man schnell an scheinbar unüberwindliche Mauern und Tabugrenzen. Das Adoptionsrecht für Homosexuelle oder die steuerliche Gleichstellung sind weitere solcher heißen Eisen, bei denen es einfach nicht vorangehen will.
CSD Paraden nach wie vor wichtig
Nach wie vor sind die deutschlandweiten politischen Demonstrationen und Paraden anlässlich des Jahrestages der Christopher Street Day Revolten in New York am 27. Juni 1969 notwendig. Nur so wird öffentlich, wie und wo homosexuelle Mitbürgerinnen und Mitbürger auch heute noch diskriminiert werden.
Mehr noch: nachdem sich die beiden großen Kirchen weiterhin ganz entschieden und offen für eine soziale, politische und auch rechtliche Benachteiligung stark machen, ist die entschlossene Arbeit der schwul-lesbischen Bewegung wichtiger denn je. Leider knicken Politiker/innen offenkundig regelmäßig und in großer Anzahl ein, wenn „die Kirche“ an ihre Türen klopft und im Zweifel unverhohlen mit der Vernichtung der politischen Existenz droht.
Die diesjährige Polit-Parade zum CSD Stuttgart am Samstag, den 26. Juli 2008 ist damit ein wichtiger Anlass um nicht nur als Schwuler oder Lesbe, sondern auch als Bürger/in eines freiheitlichen Deutschlands in dem Gleichberechtigung und Fairness eine zentrale Rolle spielen sollten, entschlossen auf die Straße zu gehen. „Ich glaube, uns steht eine spannende Zeit bis zum CSD Wochenende und eine noch spannendere Demonstration ins Haus“, ist sich Christoph Michl sicher.
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